Feenhäuser – Warum heißen sie so?

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Das solltest du wissen, bevor du das nächste Mal den Kopf in ein Feenhaus steckst


Von mystischen Felshöhlen, nächtlichen Lichtgestalten und schafsköpfigen Rieseninsekten

 

Auf Sardinien begegnen dir die in Stein gemeißelten Kammern auf Schritt und Tritt. Aber wie kamen diese vorchristlichen Familiengräber eigentlich zu ihrem geheimnisvollen und so viel versprechenden Namen? Warum wurden die Begräbnisstätten der Nuragher als „Domus de janas“ oder ins Deutsche übersetzt als Feenhäuser bekannt?

Das kommt nicht von ungefähr.

Als die mysteriösen Felshöhlen vor langer Zeit wiederentdeckt wurden, standen die Menschen natürlich zunächst vor einem unlösbaren Rätsel. Unerklärliche Phänomene sind bekanntlich der beste Nährboden für packende Geschichten. Und tatsächlich: Die Legenden, die sich um die „janas“ oder Feen ranken sind nicht nur ausgesprochen fantasievoll, sondern auch überzeugend bildhaft. Da geraten sogar standhafte Realisten ins Wanken:

Alles nur erfunden?!

Hier habe ich für dich zusammengetragen, was über die kleinen sardischen Feen erzählt wird. Lass den Zauber dieser Geschichten auf dich wirken. Ich garantiere dir, bei deinem nächsten Besuch wirst du die kalten Felsgräber mit ganz anderen Augen sehen!

 

Wie sehen die „janas“ aus?

Die „janas“ sind sehr kleine, gerade mal faustgroße wunderschöne Frauengestalten. Sie tragen leuchtend rote Kleider und ein geblümtes oder farbig gemustertes Kopftuch, das bis zur Schulter reicht und mit Gold- oder Silberfäden durchwirkt ist. Gerne schmücken sich die „janas“ mit schweren, fein gearbeiteten Goldketten.

Ihr Körper ist durchscheinend und so leuchtend, das er zuweilen blendet. Ihre Haut ist so zart, dass das Sonnenlicht sie sofort verbrennen würde. Die „janas“ sind aber auch sehr wehrhaft: Sie haben lange, starke Fingernägel, mit denen sie sogar Fels bearbeiten können. Am Ende ihres Lebens sterben die kleinen Höhlenbewohnerinnen nicht einfach, sondern sie werden zu Stein verwandelt.

 

Gute Fee oder böse Fee?

In der Regel sind „janas“ gute Feen. In manchen Gegenden können sie aber auch ziemlich böse werden. Beispielsweise hier in der Ogliastra, wo zuweilen die „margiana“ (mala jana = böse jana) ihr Unwesen treibt und Unglück in die Häuser bringt. Es wird aber immer wieder darauf hingewiesen: Die „janas“ wollen nur denen Böses, die versuchen, sie hinters Licht zu führen. Also, Vorsicht!

Eine andere Legende erzählt von grausigen Höhlenhexen. Die scheußlichste von ihnen wurde „Orgia Rabiosa“ genannt: eine aus Schmerz über den Verlust ihrer Kinder verrückt gewordene und zu Stein erstarrte Frauengestalt. In ihr sehen viele die uralte mythologische Figur der „Großen Mutter“ verkörpert, Göttin des Wassers und der Fruchtbarkeit.

 

Was machen die „janas“ den ganzen Tag?

Sie schlafen tagsüber in ihren höhlenartigen Mini-Behausungen. Nachts aber machen sie sich an die Arbeit. Den Großteil ihres Lebens verbringen sie damit, mit goldenen Spindeln Leinen zu spinnen, auf goldenen Webstühlen singend herrliche Stoffe herzustellen und daraus wunderschöne, gold- und silberdurchwirkte Gewänder zu nähen.

 

Und nachts?

Die „janas“ sind am Tag niemals zu sehen. Das hat einen einfachen Grund: Sie können ihre zarte Haut unmöglich dem starken Sonnenlicht aussetzen und wagen sich möglichst nur in mondlosen Nächten aus den Höhlenbehausungen. Dann suchen sie zuweilen die alten nuraghischen Tempelorte auf, um dort zu beten. Sie benutzen dabei für uns Menschen unzugängliche geheime Wege durch dichtes Gestrüpp. Siehst du in einer dunklen Nacht einmal kleine Lichtpunkte durchs Unterholz huschen, dann sind es die „janas“. Sie beginnen unterwegs zu leuchten, um sich selbst den Weg zu erhellen und sich so vor den Dornen zu schützen. Klare Vollmondnächte nutzen sie in erster Linie, um dann ihre Wäsche aufzuhängen und zu trocknen.

 

Die Schätze der „janas“

In ihren Höhlen halten die „janas“ wertvolle Schätze verborgen. Ihren unermesslichen Reichtum lassen sie übrigens von „muscas macceddas“ bewachen. Das sind schrecklichen Insekten mit Schafskopf und einem einzigen Auge mitten auf der Stirn, scharfen Zähnen, kleinen Flügeln und einem Schwanz mit giftigem Stachel. Das scheußliche Getier halten sie in Behältnissen ähnlich der Schatztruhen verschlossen. Bisher hat sich noch keiner an den Schätzen der „janas“ vergriffen. Zu groß war die Angst, die falsche Kiste zu öffnen.

Wenn du nachts im Schlaf drei Mal nach dir rufen hörst, erschrecke nicht. Das sind die „janas“, die dich auserwählt haben. Sie wollen dich zu ihren Schätzen führen. Beachte bitte eines dabei: Versuche nicht, irgendetwas davon mitgehen zu lassen! Nur wer sich ehrlich und aufrichtig verhält, wird belohnt werden. Solltest du aber auch nur eines der wertvollen Dinge berühren, verwandelt sich dieses in Asche und Kohle. Aus der Traum.

 

 

Ein Tipp:

Bitte störe die „janas“ niemals. Das mögen sie überhaupt nicht. Warte ab. Die „janas“ wollen selbst entscheiden, wem sie sich zeigen. Solltest du zu den Auserwählten gehören, dann stelle dich am Besten schlafend. Mit halb geschlossenen Lidern kannst du beobachten,wie sie über dir ihre Kreise drehen.

 

Interessant ist:

Die Felsengräber werden nicht nur „domus de janas“ (Feen- oder Hexenhäuser) genannt, sondern auch „domus di forru de Luxia Rabiosa“ (Ofen der wütenden Hexe), „domus di furreddos (Ofen) oder „domus di conca/conchedda/percia (Becken). Aber kein einziger Name bezieht sich auf ihren eigentlichen Nutzen als Gemeinschaftsgrabkammer.

 

Zum Abschluss:

Die Bezeichnung „Domus de janas“ wurde aus dem Sardischen ins Italienische mit der Bedeutung „Casa delle fate“ und damit auf Deutsch „Feenhäuser“ übersetzt. Das ist nicht ganz richtig. Denn in der sardischen Mythologie sind „janas“ und „Feen“ zwei vollkommen unterschiedliche Wesen.

Vielleicht könnte man sie am ehesten als kleine weibliche Wesen, halb Fee und halb Hexe beschreiben. Von beiden haben sie etwas. Es hängt ein wenig von uns selbst ab, was davon überwiegt: Wenn wir sie verstehen, sind es Feen. Wenn wir sie jagen, sind es Hexen.

 

(Quellen: A. Liori, Demoni, miti e riti magici della Sardegna / contusu.it / sardgna.com / tiliguerta.com)

 

Viel Spaß beim Erkunden der Feengräber rund um Lotzorai. Die schönsten und die größte Ansammlung gibt es bei der Ausgrabungsstätte auf den Hügeln Tracucu und Genna e Tramonti nur zwei Kilometer von Lotzorai entfernt. Wie du dort hinkommst, erfährst du hier.

 

 

 

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