Ogliastra-Insider Peter Herold im Gespräch

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Titelbild: Richard Felderer, neuer Inahber und Betreiber des B&B Lemonhouse

    

 

Ein echtes Hochgefühl: Sportklettern in der Ogliastra

 

Weiße Kalksteinwände über smaragdfarbenem Meer und dazu ganzjährig angenehm milde Temperaturen – ideale Bedingungen für Steilwandakrobaten. Kein Wunder ist Sardinien unter Sportkletterern hoch begehrt und schon lange kein Geheimtipp mehr. Anfangs zog es die meisten vor allem nach Cala Gonone. Inzwischen hat die Ogliastra dem berühmten Klettergebiet längst den Rang abgelaufen.

 

Warum das so ist und was das Besondere an den Kletterspots in der Ogliastra ist, wollte ich genau wissen.

 

Und wer könnte mir das besser erklären als der Lemonhouse-Gründer und Kletter-Freak Peter Herold. Seit über zehn Jahren erklimmt er in der Ogliastra jeden bekletterbaren Fels und machte über die Jahre zahlreiche Routen mit Bohrmaschine und Haken auch für andere zugänglich.

 

Was hat es nun also auf sich mit dem aufstrebenden Kletter-Paradies Ogliastra?

 

 

Gleich zu Beginn die wichtigste Frage: Warum sollte jemand zum Klettern in die Ogliastra kommen und nicht anderswo absteigen?

Das lässt sich eigentlich schnell erklären. Im Gegensatz zu Gebieten in den Alpen punktet Sardinien und insbesondere die Ogliastra mit der Nähe von Klettern und Mittelmeer. Hier kann man am Morgen an sonnigen Kalkfelsen klettern und danach im Meer baden. Oder man klettert gleich direkt am und über dem türkisblauen Wasser.

Auf ganz Sardinien hat man die Qual der Wahl zwischen 4.000 Sportkletter-Routen und fünf Klettergebieten: Sassari, Dorgali/Cala Gonone, Iglesiente, Isili und Ogliastra. Wir haben die Ogliastra anderen Gebieten vorgezogen und uns damals für Lotzorai als Standort für unser B&B entschieden, weil die Klettergegend hier so vielseitig ist. Für Anfänger und Könner ist in nächster Nähe alles da. Es gibt nicht nur 850 Einseillängentouren, sondern auch gut 130 Mehrseillängenrouten, Bouldergebiete und Deep Water Solo-Spots. Die sind alle von Lotzorai in nicht mehr als einer Fahrstunde erreichbar.

Hier kann man nicht nur das ganze Jahr über klettern. Die Ogliastra ist auch im Sommer das beste Klettergebiet Sardiniens. Denn da kann man sich insbesondere am Nachmittag über wohltuenden Schatten freuen, wenn man in einer Höhe von 800 bis 1.000 Metern am Fels hängt. Auch im August sind harte Routen kein Problem wie man hier im Video sieht.

Hinzu kommt: Kletterer sind häufig überrascht, wenn sie entdecken, welche Alternativangebote die Ogliastra auch für Ruhetage bereit hält. Manchmal wollen auch nicht alle Mitglieder der Gruppe nur klettern, sondern auch andere Dinge unternehmen oder andere Sportarten ausüben. Die Ogliastra gehört zu den besten Aktivurlaubszielen und die zentrale Lage macht Lotzorai zum Paradies für jegliche Art von Outdoorsporturlaub.

 

Wo genau kann man in der Ogliastra klettern?

Die wichtigsten Klettergegenden in der Ogliastras sind:

Baunei: Dort findest du rund 300 Einseillängentouren auf genialem Kalk mit 30 Routen im vierten und fünften Grad bis hin zu anspruchsvollen und überhängenden 8b+/c am Monte Scoine, Monte Oro, Villaggio Gallico, Creuza de Ma, Campo dei Miracoli, Braccio di Ferro, The Lemon House und Su Telargiu Oro

Urzulei: Nur 45 Fahrminuten vom Lemonhouse entfernt kannst du zwischen den Klettergärten Serra Oseli und Genna Croce wählen. Sie liegen auf einer Höhe von etwa 900 bis 1.000 m und sind nachmittags schön schattig. Das ist insbesondere im Sommer sehr angenehm.

Jerzu & Ulassai: Jerzus technische Wände sind weltbekannt – mit 230 Einseillängentouren ab 6a aufwärts. Bei Ulassai findet man den sehr ähnlichen Spot Cascate di Lecorci. Der beliebte Canyon bietet dem gegenüber auch leichtere Grade (französisch 5b und 5c) an. Cave of Dreams hingegen ist ein neuer Sektor mit überhängenden Sintern und einigen etwas „soften“ Schwierigkeitsbewertungen und der jüngste Sektor Marosini wird denjenigen gefallen, die überhängende Wände mit Leisten im 7. Grad suchen. Insgesamt gibt es dort 220 Routen.

Quirra: Dort ist es den ganzen Tag über sonnig, so dass Quirra vor allem im Winter perfekt ist. Du findest dort ein Schwierigkeitsniveau von 4c bis 8c, von der Platte bis zum Überhang. Da ist für jeden etwas dabei.

Santa Maria Navarrese und Lotzorai: An einer Klippe direkt im Hafen von Santa Maria Navarrese finden Einsteiger einige leichtere Routen. In Lotzorai nur zehn Minuten zu Fuß vom Lemonhouse entfernt habe ich für Granitliebhaber ein besonderes Schmankerl entdeckt und erschlossen: die Wand von Lucertole al Sole.

 

 

Wo fühlen sich Könner gefordert? Und wo würdest du Anfänger hinschicken?

Rund um Baunei gibt es mehrere lange und mittelschwere Mehrseillängentouren (einige 5c obb.*, normalerweise mindestens 6b obb. oder schwieriger), so zum Beispiel Aguglia di Goloritzè, Punta Argennas, Punta Giradili und Monte Ginnirco. Marinaio di Foresta (F6a+, F5c obb.) auf Pedra Longa stellt einen guten Anfang dar, während Easy Gymnopedie die einfachste Route auf der Aguglia ist (F6b, F5c obb.).

Viele Kletter-Fans kennen Sardiniens Einseillängentouren, aber es gibt da noch eine ganz andere Welt recht abenteuerlicher Mehrseillängen(MSL)-Touren bis zu 400m und mit 15 Seillängen. Hier geht es nicht nur um Standplatzbau und Abseilen, man muss auch die Schwierigkeitsskale richtig verstehen. Wichtiger als der maximale Grad ist der Pflicht-Grad. Es handelt sich hierbei um zwingende Kletterpassagen, die man zwischen den Bohrhaken frei klettern muss. Im Klettergarten mit geringen Hakenabständen ist es ein Ding, eine harte Passage zu meistern. Hat man in einer langen Route jedoch den letzten Haken einige Meter unter den Füßen, sieht die Sache schon ganz anders aus. (*obb. = grado obbligatorio = Pflicht-Grad)

 

Welche Art von Klettern kann man in der Ogliastra betreiben? Was ist mit Boulder-Spots oder Deep Water Soloing?

In der Nähe vom Lemonhouse gibt es wie gesagt einige Granitblöcke zum Bouldern, die ich 2008 erschlossen habe. Weitere Granitblöcke befinden sich an der Küste bei San Gimiliano in Arbatax/Porto Frailis. Aber das schönste Bouldergebiet in dieser Ecke liegt auf etwa 800 Metern Höhe und circa 45 Fahrminuten vom Lemonhouse entfernt in Urzulei: die tollen Kalkblöcke bei Serra Oseli. Beste Jahreszeit zum Bouldern dort sind Frühjahr oder Herbst.

Der beste Deep Water Soloing (DWS) Spot wurde von uns entlang der Ostküste Richtung Süden erschlossen. Er befindet sich über der “Vascone” (übersetzt: große Badewanne) südlich der Hirtenbucht von Cala ‘e Luas. Da wir oft mit dem Kajak unterwegs sind, vor allem in der Gegend von Marina di Gairo, konnten wir verschiedene Klettermöglichkeiten entlang jener Küstenregion ausfindig machen. Genialer Granit, einfacher Zustieg auch zu Fuß und tiefes, gut geschütztes Wasser mit leichten Ausstiegen aus dem Wasser. Also einfach ideal für erste Annäherungsversuche ans Deep Water Solo. Viele fragen nach den DWS-Möglichkeiten zwischen Santa Maria Navarrese und Cala Gonone. Das Potential dort ist enorm, aber man muss ein Schlauchboot mieten, um hinzukommen, und die Umgebung ist nicht so entspannend.

 

 

Wie kommt man zu den einzelnen Klettergebieten hin?

Es ist auf jeden Fall ein Auto erforderlich. Viele Gebiete, wie zum Beispiel die Felsnadel in der Cala Goloritzé, erreicht man nur zu Fuß oder mit dem Schlauchboot.

 

Wie findet man sich am besten vor Ort zurecht? Welche Bücher und Karten würdest du empfehlen?

Fürs Sportklettern auf Sardinien ist der Kletterführer „Pietra di Luna“ die „Bibel“ schlechthin. Auf 600 Seiten werden über 3.600 Einseillängentouren in 200 Klettergärten beschrieben. Inzwischen gibt es auch den zweiten Band des von Maurizio Oviglia verfassten Kletterführers. Dort sind zusätzlich 1.400 moderne Mehrseillängen- und Tradtouren dokumentiert. Einige der darin beschriebenen Multipitch-Routen gehören zu den berühmtesten Sardiniens und liegen direkt vor der Haustüre des Lemonhouse. Mehr als die Hälfte der insgesamt 63 Gebiete sind vom Lemonhouse in höchstens 90 Fahrminuten zu erreichen. Die Bände sind für rund 50 Euro hier zu beziehen.

Für die Ogliastra gibt es eine spezifisiche Kletterkarte mit Topos für circa 600 Einseillängentouren. Ideal, wenn man nur in Ogliastra klettern will. Außerdem steht ein von mir ins Englische übersetzter Führer mit 220 Routen nur für Ulassai zur Verfügung. Beide sind am besten vor Ort im Buchhandel zu bekommen (oder können in der wohl sortierten Lemonhouse-Bibliothek konsultiert werden).

 

Werden auch Kletterkurse angeboten? Gibt es Kletterführer, denen man sich anschließen kann?


Laut italienischem Gesetz ist ein UIAA-Bergführer die einzige Person (neben einem Lehrer des Club Alpino Italiano während eines CAI-Kurses), der euch „draußen“ auf natürlichem Fels Kletterunterricht geben darf. Im Juli 2012 definierte die Regione Sardegna außerdem die Figur Guida montana – Maestro di Arrampicata„. Soweit ich weiß, gibt es derzeit niemanden auf Sardinien und hier in der Ogliastra, der sich auf diese Art und Weise qualifizierte hat.

Grundsätzlich gibt es in der Ogliastra verhältnismäßig wenig Kletterer. Deshalb habe ich mich immer während unserer aktiven Lemonhouse-Zeit immer gefreut, mit Gästen klettern zu können und danach die ein oder andere erfolgreiche Rotpunktbegehung mit einem Bier zu feiern.

 

Welche Jahreszeit ist die schönsten zum Klettern in der Ogliastra?
Kann man auch im August hier klettern oder ist das eher nicht empfehlenswert?

Genau das ist so toll am Klettern in der Ogliastra: Du kannst alle Tages- und Jahreszeiten abdecken und findest immer ideale Bedingungen. Nehmen wir zum Beispiel den neuen Sektor „Dinopark“ in der Nähe der Pedra Longa. Wer an stark überhängenden Sintern im 7. französischen Grad klettern will, kann morgens baden und am Nachmittag dort die Arme gut strapazieren. Links davon liegt Vernacoliere mit Routen bis zur 7a. Die 18 Routen am Monte Oro – meist vertikale Wände und Schwierigkeiten um den 6. Grad – sind im Winter perfekt und bestechen zudem mit einer herrlichen Aussicht über die Bucht von Arbatax und die Tiefebene der Ogliastra. Zwölf der Kletterrouten am Monte Oro liegen wiederum morgens im Schatten und sind damit ideale Sommerkletterspots.

 

Sind die Klettergebiete in der Ogliastra überlaufen?

Obwohl in den letzten Jahren viele neue Routen in der Ogliastra erschlossen wurden, bleibt sie vielleicht die am wenigsten entdeckte Klettergegend der Insel. Das bedeutet griffiger Fels und wenig Leute.

 

Welche Route ist deiner Meinung nach sportlich die größte Herausforderung in der Ogliastra?

Das ist eindeutig die Route „Hotel Supramonte“ in der Gola di Gorroppu, die über Jahre Italiens schwierigste Multipitch war.

 

 

Und welche Route ist landschaftlich gesehen die spektakulärste?

Das sind so viele, dass ich wirklich keine einzelne Route herausgreifen kann.

 

Hast du eine ganz persönliche Lieblingsroute?

Auch hier kann ich keine einzelne herausgreifen. Es sind zu viele, die mir alle gleichermaßen gefallen.

 

Was war dein absolutes Highlight den letzten 10 Jahren Klettern in der Ogliastra?

Wirklich toll war, dass ich gemeinsam mit Kletterfreunden aus aller Welt verschiedene neue Sektoren zum Sportklettern erschließen konnte. Die Kletter-Gäste im Lemonhouse steuerten immer gerne kleine Beiträge zu unserem „Hakenfonds“ bei. Davon kauften wir dann Bohrhaken und Ketten. Zuerst kam der Sektor „The Lemon House“, der von mir gemeinsam mit unserem Freund, dem sardischen Kletter-„Guru“ Maurizio Oviglia, erschlossen wurde. Dann halfen Anne und andere Freunde, um auch leichtere Neurouten (Grade von 4-6a) in der Nähe vom Lemonhouse zu erschließen.

Gut erinnere ich mich auch an eine spektakuläre Entdeckung, die wir 2008 machten: Eigentlich schien es, als würde es in der Ogliastra keine überhängende Grotte wie die „Millennium“ in Cala Gonone geben. Dann entdeckte ich “Su Telargiu Oro”, eine Grotte auf etwa 800 m ü.d.M. und natürlich absolut schattig. Dort habe ich dann gemeinsam mit Freunden im Laufe der Jahre 38 Routen erschlossen. Kletterer, die athletische Routen von 6a bis zu 8a in einem wunderschönen Sommerkletterspot suchen, haben hier viele Möglichkeiten.

Mich erfüllt jedes Mal große Freude und auch ein wenig Stolz, wenn ich auf das ganze Lemonhouse-Projekt zurückblicke: auf die Erschließung des Gebiets, aber vor allem auch auf die vielen tollen Menschen, die wir in diesen Jahren kennengelernt haben – insbesondere beim gemeinsamen Klettern.

 

 

Peter Herold und Anne McGlone, beide britischer Herkunft, sind schon lange vom Italien-Virus befallen. Seit den 90er-Jahren touren sie im Urlaub mit ihren Fahrrädern durchs Land. Später machten sie Rom zu ihrem „Basecamp“, wo sie sich an den Wochenenden vom anstrengenden Berufsleben erholten.

2002 entdeckten sie Sardinien und verliebten sich – wie kann es anders sein – sofort in die Ogliastra. Schon ein Jahr später nannten sie ein Appartement in Porto Frailis/Arbatax ihr Eigen. 2004 wurde ihnen das Berufsleben endgültig zu stressig und sie beschlossen, aus dem Hamsterrad auszusteigen und ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Das war die Geburtsstunde ihres „Sardinien-Projekts“: Sie kauften 2006 ein Haus in Lotzorai, renovierten dort ein ganzes Jahr und empfingen 2007 die ersten Gäste in ihrem B&B.

Schnell sprach sich herum, dass man im Lemonhouse hervorragende Tipps in Sachen Outdooraktivitäten in der Ogliastra bekommt und schon bald war das B&B von Peter und Anne DIE Anlaufstelle für Wanderer, Kletterer und Mountainbiker.

Peter und Anne leben jetzt wieder in Rom, kommen aber ohne die Ogliastra nicht aus. Mindestens vier bis fünf Mal im Jahr genießen sie jetzt wieder selbst den Urlaub in ihrem Outdoor-Paradies.

Seit Ende 2016 sind nun Riky Felderer und Elena Congiu die neuen Inhaber des Lemonhouse in Lotzorai. Beide sind ebenso sportbegeistert und outdoorerfahren wie ihre Vorgänger und führen das B&B im selben Stile weiter. Für die Zukunft haben sie schon viele neue Ideen und starten jetzt voller Tatendrang und Engagement in die neue Saison.

 

…und übrigens:

Willst du wissen, wie und wo genau auch du das Hochgefühl vom Titelbild erleben kannst?
Dann wende dich einfach vertrauensvoll an Riky und Elena!

 

(Fotos: Peter Herold)

 

 

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