Streetart auf Sardisch: Protestkunst oder Folkloremalerei?

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Was genau steckt nun eigentlich hinter den Murales?

Eines ist klar: Sie gehören zum Bild von Sardinien wie das türkisblaue Meer, die Jetset-Yachten an der Costa Smeralda und die schaurig-romantische Vorstellung von Banditennestern im wilden Hinterland der Insel.

Eben dort – in den kleinen aufmüpfigen Bergdörfern – vermuten viele logischerweise auch den Ursprung der ursprünglich hoch politischen Wandmalereien. Das liegt daran, dass heute vor allem ein Ort stellvertretend für alle anderen die sardische Streetart-Variante repräsentiert: Orgosolo. Kein Wunder. Schließlich kann man dort die mit rund 150 Wandgemälden größte Murales-Sammlung bestaunen und sich anhand der Motive durch die bewegte Geschichte der Insel und der ganzen Welt führen lassen.

murales_lotzorai_prolocoMurales gibt es aber nicht nur in Orgosolo. Auch wenn die Wandmalereien dort in den 70er-Jahren eine Art Initialzündung erfahren haben. Man findet die mal politisch und sozialkritisch, mal rein dekorativ angelegten Bilder auf Hauswänden in vielen Orten auf Sardinien. Auch hier gleich um die Ecke in Lotzorai, Girasole oder Triei sind einige Mauern mit Murales geschmückt.

Wer allerdings glaubt, bei den Murales handelt es sich um ein in der sardischen Kultur verankertes uraltes traditionelles Phänomen, der täuscht sich. Es stimmt auch nicht, dass Orgosolo der Ursprungsort der sardischen Wandmalereien war – obwohl das legendäre Barbagia-Dorf heute immer in einem Atemzug mit dieser Kunstform genannt wird. Und auch die Vorstellung von heimlichen Nacht-und-Nebel-Aktionen politisch engagierter Protestmaler im Stile heutiger Graffiti-Attacken ist weit gefehlt.

 

Wie verhält sich das also mit den Murales auf Sardinien?

 

5 Fragen – 5 Antworten

 

1    WIE entstanden die Murales?             

Mit den Murales machten die Sarden ihren lang gehegten Unwille gegen Unterdrückung und Fremdherrschaft sichtbar. Die Wandmalereien sind Ausdruck ihres Protests gegen politische und soziale Missstände. Politisch engagierte Künstler brachten dabei die Kunstform der Revolutionsmaler aus Mexiko und Chile sowie die spanische Bezeichnung „Murales“ nach Sardinien.

Als kollektives Kunswerk eingestuft genossen die Murales von Anfang an große Zustimmung unter der Bevölkerung. Die Wandbilder wurden nie zerstört und ihre Verwirklichung und Verbreitung wäre ohne die Einwilligung der Hausbesitzer niemals möglich gewesen. All dies ist ein Zeichen der großen Verbundenheit der Dorfbewohner mit „ihren“ Murales, die der Bevölkerung in vielen Fällen auch ein hohes Maß an Verständnis für moderne Kunst und unbequeme politische Parolen abverlangte.

 

murales_triei_22    WANN setzte die Murales-Bewegung ein?

Geschichtlich gesehen sind die Murales ein relativ junges Phänomen auf Sardinien. Sie kamen Ende der 1960er-Jahren inspiriert von der italiensichen und weltweiten Studentenbewegung auf die Insel. Als Ursprungsort gilt das kleine Bergdorf San Sperate bei Cagliari. Und als Gründer wird der heute bekannte zeitgenössische Bildhauer Pinuccio Sciola genannt. Er sammelte damals Gleichgesinnte um sich, begann im Einvernehmen mit den Hausbesitzern und Gemeindemitgliedern seine Protestbilder auf die Wände zu malen. Von San Sperate griff die Bewegung bald schon auf andere Orte über, so auch auf Dörfer in der Barbagia, darunter Orgosolo.

 

3    WER waren die Maler der Murales?

Angeregt durch die berühmten mexikanischen Revolutionsmaler waren es zu Beginn in erster Linie Studenten und deren politisch oftmals ebenso aktiven Lehrer, die diese Kunstform vom Festland nach Sardinien brachten. Sehr schnell beteiligte sich aber oftmals die gesamte Dorfgemeinschaft und damit auch einheimische Laienmaler oder gar Schulkinder an der Verschönerung der Hausfassaden ihrer Dörfer. In dieser Technik erprobte Maler aus anderen Ländern fügten später weitere Gemälde hinzu, so dass in vielen Orten Gemeinschaftskunstwerke mit sozialkritischen lokalen und internationalen Botschaften entstanden.

 

4    WAS drücken die Murales aus?

Die Anfangszeit der Murales-Bewegung war eindeutig geprägt von der sozialpolitischen Funktion der Gemälde. Die Bilder waren Aufbegehren der sardischen Bevölkerung gegen die Jahrhunderte alte Fremdbestimmung der Insel und Auseinandersetzung mit den Themen Unterdrückung, Ausbeutung und Kolonialisierung. Sie standen aber immer auch für die Hoffnung auf Veränderung und den Wunsch nach einer besseren Zukunft im Kampf gegen italienische Machtpolitik, leere Industrieversprechen und Ausverkauf der Insel an Nato-Militär und Tourismuswirtschaft.

An die Wände gepinselt wurden Szenen des lokalen und sardischen Lebens. Viele Motive und Parolen spiegelten aber auch aktuelle internationale Missstände wider. So konnte man in den ersten Jahren in vielen Dörfern das tagespolitische Geschehen der ganzen Welt ablesen. Die Bandbreite der Darstellungen ist demzufolge enorm: So finden sich Murales die die Bedrohung durch Dürrekatastrophen auf Sardinien thematisieren neben Abbildungen, die die Angst vor den Auswirkungen des Vietnamkriegs verarbeiten.

 

murales_girasole_wolf_25    UND HEUTE?

Ja, heute ist viel, wenn nicht gar alles, was an revolutionärer Energie in den Murales steckte, verloren gegangen. Wie überall auf der Welt beruhigte sich die Lage, der politische und sozialkritische Protest schlief ein. Wo früher aus Überzeugung unentgeltlich gemalt wurde, entstehen heute die meisten Wandmalereien als bezahlte Auftragsarbeiten. Sie haben in der Regel rein dekorativen Charakter und dienen mit zumeist unverfänglichen folkloristischen Motiven als touristische Attraktion.

murales_lotzorai_eisDie neuen Murales haben teilweise größeren künstlerischen Wert als ihre Vorgänger, die oft in eher naiver und schlichter, plakativer Malweise verwirklicht wurden. Heute sieht man Bilder in ausgefeilter Technik, dadaistisch oder kubistisch geprägt und mit klar erkennbarem künstlerischem Anspruch realisiert. Was einbißchen fehlt ist die kritische Schärfe und die oftmals mit viel Poesie ausgedrückte Wut in den Bildern, die die Faszination der Pionierzeit-Murales ausgemacht hatte.

 

Mach dir selbst ein Bild!

 

murales_triei_1Triei: Murales gibt es hier in der Region zum Beispiel in Triei, wo Studenten verschiedener Kunstschulen im ganzen Dorf verstreut Wandmalereien zu verschiedenen Themen realisiert haben.

Urzulei: Sehr schön ist aber auch ein Rundgang im Bergdorf Urzulei, wo alte Schwarz-Weiss-Fotos mit Motiven aus dem dörflichen Leben von Murales-Künstlern auf die Hauswände übertragen wurden.

Villagrande Strisaili: Nicht zu vergessen die Mauergemälde in Villagrande Strisaili, Murales-Dorf der ersten Stunde, die auch noch Motive aus der politisch orientierten Anfangszeit und sozialkritische Bilder neueren Datums zeigen.

 

 

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