Zwei Pferde auf hoher See

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— Pferdetransport ins Ausland: Teil 1 —

DSCF1322x_wir3aAb auf die Insel – in Rückblick

Von schwierigen Entscheidungen, der längsten Nacht meines Lebens und tapferen Globetrotter-Pferden

„Deutschland ade!“ hieß es vor enigen Jahren nicht nur für mich. Auch meine zwei Pferde mussten ihr Domizil auf der Schwäbischen Alb verlassen und mir wohl oder übel nach Italien folgen. Lies hier in meinem ganz persönlichen Rückblick von unserem gemeinsamen Abenteuer. Denn das war es für uns drei definitiv – auch wen tagtäglich unzählige andere Pferde und Menschen routiniert und gelassen kreuz und quer durch die ganze Welt reisen.

Lass dir außerdem hier von Pferdetransport-Profi Werner Kniese sagen, worauf du bei längeren Fahrten mit Pferd achten solltest.

 

Entscheidung

„Du bist verrückt. Was das kostet! Und das willst du deiner alten Stute zumuten? Besser, du gibst die Pferde ab.“ Zahlreiche Einwände und gut gemeinte Ratschläge begleiteten damals meine Reisevorbereitungen und ließen mich oft zweifeln. Der hohe finanzielle Aufwand des Pferdetransports und die Sorge um die Gesundheit der Pferde unterwegs setzten mir stark zu. Aber wie hätte ich meine damals 27-jährige Nita einfach zurücklassen können? Vor allem: Wo bringt man seinen Senior guten Gewissens unter, wenn man selbst im Ausland weilt? Und mit meinem 5-jährigen Nachwuchspferd Nomi begann es gerade, reiterlich richtig Spaß zu machen. So hielt ich also eisern an meinem Vorhaben fest. Und zu dritt brachen wir auf gen Süden.

 

DSCF1307x_HeuknabbernAbschied

Mit flauem Gefühl im Magen fuhr ich am Abreisetag zum Stall. Wird auch alles klappen… Die Pferde knabberten noch ahnungslos an ihrem Morgenheu. Zunehmend nervös packte ich die letzten Sachen zusammen. Wenn ich nur wüsste, was uns erwartet auf dieser Reise. Noch nie war ich länger als einen halben Tag mit Hänger unterwegs gewesen. Da fuhr auch schon der nachtblaue Kleintransporter der Firma Horse-Service auf den Hof. Nun gabs kein Zurück mehr. Meine beiden Haflingerdamen folgten mir anstandslos in den Hänger und stürzten sich freudig auf die prall gefüllten Heunetze. Pferde drin, Klappe zu, letzter Kontrollblick durch die hintere Tür: alles okay. Nun hieß es Abschied nehmen. Nita und Nomi warteten im Hänger und vor uns lagen knapp 1.000 Kilometer Strecke. In dieser Situation blieb keine Zeit für große Gesten oder tiefe Wehmut. Meine Gefühle damals hätten widersprüchlicher nicht sein können. Wie immer waren es die Pferde, die mich zurück auf den Boden der Tatsachen holten. Hinten im Hänger rumpelte es anfangs noch gewaltig. Ich litt mit und warf ständig besorgte Blicke durch das kleine Fenster zwischen Fahrerkabine und Pferdeabteil. Und entspannte mich schließlich, denn es war in erster Linie das wilde Zupfen am Heu, das die beiden aus dem Gleichgewicht brachte.

 

DSCF1356x_imTransporterOn the road

Frühlingsgrün und blühend präsentierte sich die Schwäbische Alb auf dem ersten Stück Landstraße noch einmal in voller Pracht. Zehn Jahre lang war sie meine Heimat und mit ihren unendlich scheinenden Weiten, sanften Hügelzügen und Wiesenwegen mein Reiterparadies gewesen. Nita riss mich jäh aud den Erinnerungen: In hohem Bogen flog die Futterkrippe durch den Transporter und meine alte Stute setzte sich vor Schreck auf die Hinterbeine. Nothalt am Straßenrand. Bis ich hinten bei ihr war, stand sie schon wieder und schnaubte erzürnt. Mein Magen fuhr Achterbahn. Das konnte ja heiter werden! Aber glücklicherweise verlief die Weiterfahrt von nun an ohne weitere Zwischenfälle. Meine zwei Stütchen entwickelten sich unterwegs zu routinierten Globetrottern. Sie mampften zufrieden ihr Heu, Nita verlange hin und wieder wiehernd nach Nachschub. Nur trinken wollten sie nicht. „Vollkommen normal“, versicherte mir mein Fahrer. Viele Pferde verweigern während des Transports das Wasser und trinken erst wieder bei der Ankunft, weiß er aus Erfahrung.

Um die Mittagszeit kamen die Alpen in Sicht. Eine Stunde später waren wir in Österreich. Am Brenner zogen Wolken und heftige Sturmböen auf. Es begann zu regnen und hörte bis zum Gardasee nicht wieder auf. Ich freute mich über die angenehme, pferdefreundliche Reisetemperatur. Hinten im Hänger wurde es immer ruhiger. In der Fahrerkabine lauschte ich den Erzählungen von anderen Pferdetransporten kreuz und quer durch Europa und mein Reiseabenteuer kam mir plötzlich ziemlich alltäglich vor.

Immer wieder hielten wir kurz zum Tanken und Espresso trinken, Heunetze füllen und Wasser anbieten. Zwei Hfis im Glück: Das reichliche Futterangebot ließ sie vornehm über die Unannahemlichkeiten des Trips hinwegsehen. Wasser wurde nach wie vor verschmäht. Unbeachtet blieben auch die zahlreichen begeisterten Italiener, die trotz Regen bei jedem Halt an der Hecktüre standen und die Pferde bewunderten. Häufigste Frage: „Sind das Rennpferde?“. Naja, nicht wirklich. Erst als eine Dame im eleganten Kostüm und auf hohen Absätzen behende in den Hänger sprang und meine Pferde küsste, ließen die beiden kurz verwundert von ihrem Heu ab. Benvenuti in Italia!

 

DSCF1362x_NachtquartierAm späten Abend kamen wir alle erschöpft, aber wohl behalten auf der idyllisch gelegenen Guest Ranch von Giampaolo Gravili an. In einem luftigen Stall warteten auf die Pferde große Boxen, frisch eingestreut mit Sägemehl. Wir zogen in eines der geschmackvoll toskanisch eingerichteten Ferienappartements ein. Bei einem Glas Rotwein entspannten wir uns von der langen Reise.

 

 

 

Im Hafen

Mit wachem Blick, aber unaufgeregt erwarteten uns die Pferde am nächsten Morgen im Stall. Nach einem halben Tag Pause verluden wir die zwei am späten Nachmittag erneut. Ohne Zögern gingen sie in den Transporter. So schlimm konnte es also nicht gewesen sein. Rechtzeitig zwei Stunden vor Abfahrt präsentierten wir uns zum Check-In. Im Frachthafen kamen wir uns inmitten der großen Lkws recht verloren vor. Wir parkten direkt vor der Fähre. Dann hieß es warten, während ein tonnenschwerer Koloss nach dem anderen an uns vorbei donnerte. Wir öffneten trotzdem die Luken und redeten den nun doch etwas besorgt dreinblickenden Pferden gut zu. Plötzlich begann Nita zu scharren und zu flehmen. Immer wieder drehte sie den Kopf Richtung Bauch. Das durfte doch nicht wahr sein! Nun war guter Rat teuer. Denn sind wir erst einmal auf der Fähre, gibt es bis Ankunft auf Sardinien zwölf Stunden lang keine Aussicht auf medizinische Hilfe. Ich telefonierte mir die Ohren heiß, aber ein Pferdetierarzt war so schnell nicht herzubekommen. Und so traf ich eine folgenschwere Entscheidung: Dieses Schiff wird ohne uns abfahren. Und wir kehrten zurück ins Nachtquartier zum Vet-Check. Das Risiko einer schweren Kolik auf hoher See war mir doch zu groß.

 

DSCF1373x_Fähre_BeitragsbildÜbers Meer

Der Tierarzt diagnostizierte eine verlangsamte Darmtätigkeit, bescheinigte Nita aber einen guten Allgemeinzustand und staunte über ihr „hohes Alter“. Auch von Dehydrierung keine Spur. Über die Ursache ihres Unwohlseins konnte nur spekuliert werden: Stress, ein altersbedingt angeschlagener Stoffwechsel, wenig Wasser, ungewohntes Futter… Wie auch immer: Am nächsten Morgen bei der Nachkontrolle bekamen wir grünes Licht für die Weiterreise. Die Hafenformalitäten waren heute ein Kinderspiel. Alle erkundigten sich rührend nach dem Befinden der Pferde. Wir durften als Letzte aufs Schiff und bekamen einen Platz am Rande des offenen Oberdecks zugewiesen. Pferfekt! Auf dem Schiff war es anfangs noch ohrenbetäubend laut. Motoren und Ventilatoren dröhnten, die dicken Sicherungsketten der Lkws knarrten und ächzten. Die Pferde ließen ihre Anspannung am Heunetz aus. Ich bekämpfte meine Aufregung durch monotones Reden und meine Zwei schienen die beruhigenden Worte dankbar anzunehmen. Schließlich ließ der Lärm an Deck nach, die Dämmerung senkte sich über den Hafen von Livorno und wir legten pünktlich am frühen Abend ab. Der Wind frischte auf und ein ordentlicher Seegang verlangte den Pferden in den ersten Stunden noch einmal einiges an Standfestigkeit ab. Dann kehrte auch auf dem Meer Ruhe ein und wir glitten sanft durch die Nacht. Meinen Kabinenplatz hatte ich verschmäht. Stattdessen versuchte ich mich auf der Rücksitzbank des Transporters einzurichten. An Schlaf war jedoch nicht zu denken. Nita fing wieder an, in regelmäßigen Abständen zu scharren. Wahrscheinlich taten ihre alten Knochen weh, dachte ich, um meine aufkommende Panik zu vertreiben. Zwischendurch stand ich auf zum Tränken und steckte den beiden die letzten Äpfel zu. Nach der längsten Nacht meines Lebens kam bei Sonnenaufgang endlich Land in Sicht. Das Anlegemanöver schien kein Ende zu nehmen. Bis wir schließlich sardischen Boden unter den Füßen hatten ist es schon unerbittlich heiß. Noch rund 200 Kilometer, dann sind wir am Ziel. Der Pferde wegen verzichteten wir aufs Frühstück und machten uns gleich auf den Weg.

 

DSCF1376_LandinSichtAnkunft

Dank der gut ausgebauten Hauptverbindungsstraßen im Landesinnern standen die Pferde ruhig. Eine frische Brise machte die Hitzer erträglich. Erst auf den engen Serpentinen hinunter an die Küste kamen wir alle noch einmal ins Schwitzen. Nita und Nomi verloren in jeder Kurve das Gleichgewicht und das Gepolter nahm kein Ende. Meine Nerven glichen gespannten Drahtseilen. Hoffentlich können sich die beiden das letzte Stück noch auf den Beinen halten. Die Sorge war unbegründet: Als wir langsam durchs Dorf rollten, meldete Nita lauthals wiehernd und sehr lebendig unsere Ankunft. Und am Stall stiegen die Pferde aus dem Transporter als hätten sie an Stelle des viertägigen Reisemarathons eine kleine Spazierfahrt unternommen. Zielstrebig erkundeten sie ihre neue Weide, zupften hier und da vom saftigen Gras, pinkelten und wälzten sich ausgiebig. Nomi stillte ihren juegendlichen Bewegungsdrang mit kurzen Trab- und Galoppeinlagen und mein Sorgenkind Nita, meine alte, arthrosegeplagte Stute, folgte ihr lahmfrei in gemäßigtem Tempo. Erleichterung machte sich breit. Wie gut, dass ich verrückt genug war, an meinem Entschluss festzuhalten.

DSCF1402x_Weide

 

Aber nun interessiert mich:

DSCF1405x_WeideWelche Erfahrungen hast du bei deinem Umzug mit Pferd ins Ausland gemacht?

Hast du ein Transportunternehmen beauftragt oder bist du selbst gefahren?

Oder hast du deine große Reise noch vor dir?

Dann lies hier das Interview mit Pferdetransport-Profi Werner Kniese und lass dir von ihm erklären, was du dabei auf jeden Fall beachten solltest.

 

 

3 Antworten

  1. Merci für deinen Erfahrungsbericht! Ich hab meinen Norweger damals zuhause gelassen, er war schon 18 und blind, und hasst Hänger fahren … mir war das auch zu weit für ihn (1.800 km von dort, wo er lebte) … also hab ich ihm seine Frührente in Schleswig-Holstein gegönnt. Obwohl mir hier ein eigenes Pferd mehr als fehlt!
    Dein Bericht macht bestimmt Mut, Tiere ins Ausland mitzunehmen (mit meinem Kater klappte das wunderbar!). Die Zwischenstationen sind eine super Idee. Wer sein Tier einschätzen kann, trifft bestimmt im Einzelfall die richtige Entscheidung.
    Alles Gute für Dich und die Pferdchen!

    • Liebe Nicole, wie schön, dass du für deinen Norweger damals einen guten Platz gefunden hast. Das war sicher genau die richtige Entscheidung. Die Pferdehaltungsbedinungen im Süden sind ja nicht immer ganz einfach und für die Pferde doch eine große Umstellung, was Fütterung und Klima angeht. Drücke die Daumen, dass dir bald wieder ein Pferd „zuläuft“!
      Christine

  2. […] Hinzu kam, dass ich damals zwei Pferde besaß, die ich unmöglich zurücklassen konnte. Wie bekommt man aber seine Pferde übers Meer auf eine Insel?! Zugfahrzeug und Hänger mieten und selbst fahren? Einen professionellen Transporteur beauftragen? Die Geschichte dazu habe ich in meinem Blog aufgearbeitet. […]

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