Ist ein Blog ein Online-Tagebuch?

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Jetzt mal ehrlich:

Warum gibt es eigentlich so viele Blogs?

Und weiter:

Warum gibt es diesen hier?

 

Von Inseldasein, Horizonterweiterung & gefälschten Tagebüchern

 

Vorsicht,

hier geht’s heute nicht unbedingt um Sardinien. Es geht vielmehr um die behutsame Annäherung an das offensichtlich allgemein recht große Bedürfnis, seine persönlichen Erfahrungen und Gedanken, seine Fotos, sein Wissen und Können ins öffentliche Nichts zu schicken und dabei möglichst authentisch rüberzukommen. Diese Vorgabe beim Aufbau eines Blogs hat mir bereits Bauchschmerzen bereitet, bevor ich das erste Mal auf „Veröffentlichen“ gedrückt habe. Heute treibt mich das Thema weiterhin und gerade in Bezug auf die Diskussion um mehr Realität in den Social Media ziemlich um.

 

Die Frage ist doch:

Wieviel Persönliches in all seinen Höhen und Tiefen MUSS in einem Blog (oder Social Media Kanal) vorkommen, damit er dem Anspruch an „Realität“ genügt, den die Öffentlichkeit sucht?

 

Oder auch:

Wie berechtigt ist die Forderung nach „mehr Realität“, wenn man sich vor Augen führt,
dass ein Blog (oder Social Media Kanal) immer mit Blick auf ein bestimmtes Publikum entsteht
und genau die Realität liefert
– mal weichgezeichnete Einhornwelt, mal trockenes Nerd-Wissen –
die von der jeweiligen Comunity abgefragt wird?

 

Mein Blog geht demnächst ins vierte Jahr. Zeit sich ein paar Gedanken zu machen.
Niemals hätte ich gedacht, dass mich dieses Projekt so lange begleiten würde. Und noch viel weniger, dass ich eine doch schon fast innige Beziehung dazu aufbauen würde. Allerdings ist da nicht nur Harmonie im Spiel. Unser Verhältnis beinhaltet auch jede Menge Konfliktpotenzial. Dennoch hänge ich an meinem Blog. Schließlich hat er mich inzwischen durch allerhand Untiefen und Höhenflüge begleitet. Außerdem verhilft er mir zu einer gewissen Sichtbarkeit im Netz, die auf einer einsamen Insel hin und wieder von Nutzen sein kann – sowohl für mich als Wahl-Sardin, als auch auch für den ein oder anderen hilfesuchenden Urlauber (wie mir netterweise immer wieder rückgemeldet wird. Dank an dieser Stelle allen, die sich die Mühe machen!).

Es gibt uns also immernoch.

 

Wie ich zu diesem Blog kam? Das hatte zum einen ganz praktische Gründe: Wer an einem Ort lebt, wo andere gewöhnlich Urlaub machen, bekommt immer wieder dieselben Fragen gestellt. Damit ich nicht immer wieder dieselben Antworten geben muss, kam mir die Idee, alle Infos irgendwo digital und für alle zugänglich abzulegen. WordPress sei Dank wurde ich so zur Bloggerin.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

 

 

Irgendwann hatte ich nämlich meinen ersten Insel-Koller und dieses unbändige Bedürfnis nach Austausch, nach direktem Draht zur Welt jenseits des Meeres. Vieles war ja plötzlich nicht mehr ganz so schnell physisch erreichbar für mich. Da kam der Blog und die damit verbundenen Social Media Kanäle gerade recht. Und sind seitdem so eine Art Horizonterweiterung für mich, wenns mir mal wieder zu einsam und einseitig wird in meinem zuweilen doch sehr  engen, eingeschränkten dörflichen Inseldasein hinter den Bergen bei den sieben Zwergen. Es ist so wunderbar wohltuend, sich in solchen Momenten zu verbinden und sich verbunden zu fühlen mit anderen in ähnlichen oder komplett anderen Lebenssituationen

 

Für mich liegt der Reiz der Social Media also weniger in der Möglichkeit, mich oder mein Leben vor anderen öffentlich auszubreiten. Ich sehe darin viel mehr den Vorteil, einen Blick und Kontakte weit über den eigenen geografisch festgelegten Tellerrand hinaus zu bekommen und das Gefühl zu haben, auf Tuchfühlung mit der weiten Welt zu sein. Es mag seltsam klingen, aber auf einer Insel erhält das gleich noch einmal einen ganz anderen Stellenwert. Und auch die Begriffe „social“ und „world wide“ bekommen in diesem Kontext gesehen ebenfalls plötzlich eine viel gehaltvollere und sehr positive Bedeutung.

Weniger attraktiv fand ich allerdings von Anfang an – und noch immer – die Vorstellung, mein Privates einem zunächst nicht greifbaren gesichtslosen Publikum offenzulegen und nicht zu wissen, wer da mitliest. Diesem Bauchgefühl bin ich damals schlussenlich gefolgt: Es entstand ein zwar ziemlich persönlich gehaltener, aber dennoch eher sachlicher Online-Reiseführer für die Ogliastra, meine neue Heimat. Ganz bewusst habe ich mich  gegen ein Auswanderer-Tagebuch oder einen Ratgeber für Auswanderwillige entschieden, obwohl das die Themen sind, die am meisten interessieren. Mir war das einfach zu privat. Eben eher etwas fürs Tagebuch (siehe unten!).

 

 

Zufälligerweise, aber passend zu all diesen Überlegungen, habe ich vor kurzem in einem Band geblättert und mich schließlich festgelesen, der sich zunächst einmal mit dem Tagebuchschreiben befasst. Es ging darin aber auch um den Unterschied zwischen Tagebuch und Blog. Und darum, dass ein Blog niemals ein Tagebuch sein kann, wenn überhaupt dann allerhöchstens ein gefälschtes Tagebuch. Warum? Weil man beim Schreiben eines Blogs immer eine Leserschaft vor Augen hat, Veröffentlichungsabsichten aber das Schreiben beeinflussen und man deshalb nie so ehrlich und authentisch mit den Inhalten umgeht wie das in einem persönlichen Tagebuch der Fall ist. Eine interessante These, fand ich.

Und dachte mir, warum nicht einfach mal den Fachmann fragen. Wenn mir einer etwas zum Spannungsverhältnis zwischen Blog (=öffentlich) und Tagebuch (=privat) sagen kann, dann doch vielleicht Olaf Georg Klein, der das oben angesprochene Buch übers Tagebuchschreiben verfasst hat und darin eine ziemlich klare Trennlinie zieht zwischen Privatem und Öfflentlichkeit. Hier kannst du also lesen, wie er die Sache sieht.

 

Im Interview:

6 Fragen an Tagebuch-Experte Olaf Georg Klein

 

1

Seit einigen Jahren gibt es diesen Blog-Boom. Wie erklären Sie sich das?
Warum wird überall und über alles gebloggt?

Zum einen, weil man es so leicht bewerkstelligen kann. Warum soll man es dann nicht tun? Und es hängt wahrscheinlich mit der Vorstellung zusammen, dass, wenn man schon schreibt, das nur sinnvoll ist, wenn es möglichst viele Menschen möglichst schnell lesen. Auch dafür gibt es gute Gründe. Ein Schriftsteller möchte auch eine hohe Auflage. Und so lange man in einem Blog über ein Thema schreibt, mit dem man sich auskennt und über das man etwas zu sagen hat, ist das ja auch vollkommen in Ordnung.

 

2

Woher kommt dieser Wunsch, sich öffentlich zu zeigen? Was treibt die Menschen aus der intimen, persönlichen Sicherheit des Tagebuchs hinaus in die weltweite Öffentlichkeit des Blogs? Was ist der Beweggrund für das Teilhabenlassen an persönlichen Erfahrungen und Alltagserlebnissen?

Nun ja, ein Blog ist eine Mitteilung an andere. Und wenn man kein spezielles Thema hat, dann kann man einfach über sich selbst schreiben und hoffen, das andere das interessant finden. Aber dieses über sich selbst schreiben, egal, ob über Beobachtungen, Tagesabläufe, Beziehungsprobleme oder Reisen ist deswegen noch lange kein authentisches Tagebuch und sollte auch nicht damit verwechselt werden. Es ist eine Selbstinszenierung und ein Bericht an andere. Da will man gut aussehen, um bewundert zu werden oder auch mal schlecht aussehen, um authentisch „rüberzukommen“ oder bemitleidet zu werden. Es ist immer ein „um zu“ dabei. Und das ist bei einem authentischen Tagebuch anders.

 

3

Aber der Blog wird doch u.a. auch als öffentliches, virtuelles Tagebuch definiert. Sind die Blogs von heute nicht einfach nur die neuzeitliche, moderne Form von Tagebüchern, die auch früher schon für ein Publikum geschrieben wurden?

Es gab und gibt natürlich auch schon lange „Kunst-Tagebücher“, die offen oder verdeckt für ein Publikum geschrieben wurden. Max Frisch ist dafür ein gutes Beispiel. Die können interessant sein, aber sie sind eben nicht authentisch. Sie sind komponiert. Er selbst hat sogar in einer Diskussion über Tagebücher gesagt, dass er kein geheimes Tagebuch mehr neben seinen künstlerischen Tagebüchern schreiben konnte. Weil allein der Gedanke an eine Veröffentlichung der künstlerischen Tagebücher das Schreiben an seinen geheimen Tagebüchern auf eine subtile Art beeinflusst hat. Also: Ein Tagebuch muss geheim sein, sonst ist es kein authentisches Tagebuch. Sonst ist es mehr oder weniger gut gefälscht, wie das Elias Canetti so gut formuliert hat.

 

4

Sie betonen die Kraft der Selbsterfahrung und der Selbstreflektion beim Tagebuchschreiben. Man könnte auch anders argumentieren und behaupten, beim Tagebuchschreiben kreist der Schreibende immer und ausschließlich um sich selbst. Es findet kein Dialog statt.

Oho, es findet sehr wohl ein Dialog statt. Nur eben mit sich selbst. Und den, mit dem Sie es da zu tun haben, können Sie nicht belügen. Der kennt Sie nämlich ganz genau. Und der sagt ganz ungerührt: „Was schreibst Du denn da? Das glaubst Du doch selbst nicht.“ Ja, durch das Tagebuchschreiben kommt man überhaupt erst zu der Erkenntnis, dass man gar nicht so einheitlich ist, wie man immer meint. Dass es in einem Anteile gibt, die man nicht so furchtbar nett findet, dass man sich irrt, emotional unausgeglichen ist, einseitig, befangen usw. Und wenn man seinen eigenen Text nach ein paar Stunden, Tagen oder Wochen wiederliest, kann man – wenn man radikal ehrlich gewesen ist – interessante Lernerfahrungen machen und Erkenntnisse über sich selbst gewinnen. Ganz abgesehen davon, dass Sie, wenn sie mal so richtig wütend sind, das ganz unbeschadet auf dem Papier ausleben können, ohne Ihre sozialen Beziehungen zu ruinieren. Sie können alles „rauslassen“ und doch für sich behalten. Das ist wunderbar und gibt es sonst nirgendwo auf der Welt.

 

5

Aber es gibt doch im Tagebuch keine Chance der Korrektur von außen, keinerlei Austausch mit anderen Meinungen. Gibt ein Blog da nicht eine wunderbare, zusätzliche Möglichkeit ab, aus dem eigenen Kämmerchen hinaus in die weite Welt zu fragen, wie denn andere zu diesem oder jenem Thema stehen oder damit umgegangen sind?

Natürlich können Sie über jedes Thema einen Blog schreiben und die Meinungen von anderen dazu einholen, dazulernen, Ihre eigene Meinung oder Sichtweise verändern usw. Unbenommen. Nur, ob Sie sich selbst betrogen oder in die Tasche gelogen haben oder sich selbst weigern, bestimmte Aspekte Ihres Lebens wahrzunehmen: Wer bitte auf dieser Welt sollte Ihnen da einen Tipp geben können? Zumal im Netz. Bei rein äußeren persönlichen Dingen mag das gehen. Sie machen ein Foto von sich, färben sich die Haare, machen ein zweites Foto und fragen, wie sie anderen besser gefallen. Ich tippe auf 50:50. Aber selbst, wenn es 70:30 steht, was nutzt Ihnen das, wenn Sie gerade einem ganz speziellen Menschen ganz besonders gefallen wollen?

 

6

Ein großes Thema in den Social Media ist die Authentizität des Geschriebenen oder bildhaft Dargestellten. Aber muss ein Blog wirklich alles so zeigen, wie es sonst vielleicht nur in einem Tagebuch stehen würde?! Und ist, wer öffentlich über persönliche Dinge schreibt, per se eine Person, die sich möglichst interessant machen oder sich (abweichend von der Realität) selbst inszenieren will?

Natürlich kann man auch in einem Blog über persönliche Dinge schreiben. Aber das dort Geschriebene ist und bleibt an andere adressiert. Schon von daher stehen ganz viele Fragen mit im Raum: Können andere das verstehen oder muss ich das noch erklären? Könnten sie das missverstehen? Werde ich andere enttäuschen? Werden sie dann nicht mehr meine Leser sein? Was sollte ich besser weglassen? Und da kommen noch mindestens 30 andere Fragen dazu. Dass man sich diese Fragen vielleicht beim Schreiben selbst gar nicht bewusst stellt, heißt noch lange nicht, dass sie nicht im Raum sind und wirken. Ein Blog kann es einfach nicht so zeigen wie es in einem Tagebuch steht. Es scheint im ersten Moment nur ein haarfeiner Unterschied sein, aber man kann ihn sehr wohl greifen und begreifen. Lesen Sie das Tagebuch einer Person, die ihre Tagebücher nie veröffentlichen wollte – und deren Tagebücher dann doch – gegen ihren Willen – nach dem Tode veröffentlicht wurden. Und vergleichen Sie das mit jedem „Tagebuchblog“ dieser Welt. Nach drei Sätzen merken Sie den fundamentalen und nicht einholbaren Unterschied. Am besten einigen wir uns vielleicht darauf, dass der Blog und das authentische Tagebuch von der Ausrichtung, der Absicht und der Wirkung her, zwei grundverschiedene Genres sind, die für immer voneinander unterschieden sind und bleiben

 

 

Die Moral aus der Geschichte?

  • Ich schreibe seit Neuestem wieder Tagebuch.
  • Die allgemein gebräuchliche Definition von „Blog“ als öffentlich geführtes Tagebuch sollte vielleicht tatsächlich noch einmal überarbeitet werden werden.
  • Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Nach Sonne kommt immer Regen. Überall auf der Welt und bei jedem.
    Das wissen wir doch alle. Egal, was von wem wie dargestellt wird. Und ebenso wissen wir, dass das world wide web grundsätzlich mit Bedacht und klarem Kopf zu genießen ist. Zum Glück wird die Diskussion um mehr Realität in den Social Media nicht immer nur bierernst, sondern mit einem Augenzwinkern geführt.

 

Ich mach‘ mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt….

Astrid Lindgren, Pippi Langstrumpf

 

 

 

 

 

 

 

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