Coronavirus in Sardinien: Was ändert sich in Phase 2?

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Neustart mit gemischten Gefühlen

 

Nun ist es also amtlich. Nach fast zwei Monaten strenger Quarantäne wird Italien am 4. Mai in die so genannte Phase 2 entlassen (Gedanken zur Phase 1 übrigens hier). In Sardinien fällt die Öffnung in Richtung Normalität entgegen der Regierungsempfehlung ziemlich weit gefasst aus. Das mag begründet sein, da Sardinien im Landesvergleich gesehen vom Coronavirus und seinen tödlichen Folgen so gut wie verschont geblieben und als Insel zudem im Vorteil ist. Ob dieser Bonus nun gleich so verspielt werden sollte, ist zumindest zu hinterfragen. Auf der anderen Seite ächzt die Insel unter den wirtschaftlichen Belastungen der Krise, die sich in ihrer vollen Wucht ohnehin erst zum Ende des Jahres zeigen werden, jetzt aber schon absehbar sind.

Wir werden sehen, wohin das führt und hoffen weiterhin das Beste.

 

Was ändert sich nun aber konkret?

Die Regierungserklärung für die Phase 2, das „decreto Maggio“, gibt den einzelnen Regionen in Italien wieder mehr Gewicht und Eigenverantwortung. Auflage ist aber für jede einzelne eine ständige Überwachung und Veröffentlichung der Zahlen zum Verlauf der Viruserkrankung und zur Situation im Gesundheitswesen und in den Krankenhäusern. Wer dieses Monitoring nicht erfüllt, riskiert die erneute Abriegelung der Region.

Für Sardinien wurde die Lockerung der Quarantänemaßnahmen ziemlich „sportlich“ interpretiert und umgesetzt. Die Regionalverwaltung stützt sich hier auf das Prädikat „covid free“ oder weniger plakativ ausgedrückt auf die gute statistische Datenlage in Sardinien und vertraut gleichzeitig auf das Verantwortungsbewusstsein der Sarden. Begründet wird der mutige Schritt und die Entscheidung für die weitreichenden Öffnungen aber auch mit der (desolaten) wirtschaftlichen Lage auf der Insel und diesbezüglich sicherlich im Hinblick auf eine mögliche Vorbereitung für die Sommersaison im Tourismus.

 

Das ist ab 4. Mai wieder möglich

(Angaben unter Vorbehalt und ohne Gewähr,
einzelne Punkte können sich außerdem von Gemeinde zu Gemeinde unterscheiden):

– grundsätzlich gilt Maskenpflicht beim Einkaufen, in öffentlichen Gebäuden und bei Menschenansammlungen

das Wichtigste: Wir dürfen endlich wieder raus aus den eigenen vier Wänden!
Erlaubt sind Spaziergänge oder Radtouren sowie die Ausübung anderer Sportarten im Freien, immer natürlich alleine oder als Familie auch zu zweit (oder mehreren), sollten Kinder oder andere Bedürftige begleitet werden müssen.
Dies gilt auch fernab der eigenen Behausung.
Juhu: Wir dürfen in Form eines Spaziergangs also auch wieder bis ans Meer und bis an den Strand
(genau genommen: wir als Familie mit Kind, aber immerhin)!
Aber ACHTUNG, bitte nicht missverstehen:
Es ist noch kein Badebetrieb oder Strandleben erlaubt!

– öffentliche Parks und Gärten öffnen wieder (8-20 Uhr), wobei darauf zu achten ist, dass sich dort keine Menschenansammlungen bilden

Baustoffhandel, Werkstätten etc. und einige Geschäfte sind wieder geöffnet

Einzelsportarten dürfen auch in geschlossenen Räumen trainiert werden, Mannschaftsport ist als Einzeltraining erlaubt, so dass auch die Liga-Mannschaft Cagliari wieder trainieren darf…

die Arbeit in den Gärten und Gemüsegärten ist hoch offiziell wieder erlaubt,
dazu gehören auch „Brandschutzmaßnahmen“ (=Mähen etc.) auf den Grundstücken außerhalb der Orte

– kleine Regionalmärkte dürfen nach Ermessen der Bürgermeister wieder stattfinden

– alle Sarden dürfen mit ihrer Kernfamilie ihren Zweitwohnsitz (in der Regel das Haus am Meer!) aufsuchen

Baustellen öffnen wieder, in den Häfen ist die Wartung der Boote wieder zugelassen, in den Strandbädern dürfen Instandhaltungsmaßnahmen und Reinigungsarbeiten vorgenommen werden

– die sonntägliche Messe in der Kirche wird mit Maske und Abstand wieder gehalten

Bars und Restaurants/Pizzerien dürfen vorerst nur Lieferservice anbieten, es wird aber gemunkelt, dass auch hier die komplette Öffnung (mit entsprechenden Vorsichts- und Hygienemaßnahmen) ab 18. Mai geplant ist

– Sollte es die Datenlage erlauben dürfen ab 11. Mai auch Frisörsalons, Kosmetikstudios und weitere Geschäfte wieder öffnen

ab 18. Mai ist bei entsprechender Datenlage bei Einhaltung der üblichen Vorsichtsmaßnahmen
die komplette Öffnung für alle Betriebe und Aktivitäten angedacht

 

So weit so gut.

Bleibt aus persönlicher Sicht vielleicht noch zu sagen:

Pünktlich zu den ersten Lockerungen oder zum Start der Phase 2 hat die Ogliastra nun doch auch ihren ersten offiziellen positiven Coronafall bekommen. Ein herber Dämpfer für die Vorfreude auf etwas mehr Freiheit nach der Lockerung. Tatsächlich galt die Ogliastra, die „Blue Zone“ oder das Land der Hundertjährigen, bis dahin als „covid free“ und wurde als eine der wenigen Gegenden gefeiert, die von Coronafällen verschont geblieben war.

Panik, Angst und Unsicherheit der ersten Wochen – geschürt auch durch die furchtbaren Bilder und lange Zeit erschreckenden Zahlen aus dem Norden des Landes – waren nach und nach einer gewissen Erleichterung und Entspannung gewichen. Die Insellage Sardiniens und das „Insel auf der Insel“-Dasein hier in der Ogliastra schien bisher tatsächlich so eine Art Rettung gewesen zu sein. In der zweiten Phase der Quarantäne also deutliches Aufatmen auf der einen Seite. Banger Blick nach vorne auf der anderen Seite. Denn: Was werden die Lockerungen an sich und später die Öffnung nach außen mit sich bringen?

Von Anfang an gab es hier viele, die Sardinien schnellstmöglich hermetisch von der Außenwelt abriegeln wollten. Inzwischen gibt es ebenso viele (oftmals dieselben Personen), denen es nicht schnell genug gehen kann mit der Aufhebung der Ausgangs- und Reiseverbote – schließlich steht der Sommer und damit die Tourismussaison 2020 vor der Tür. Was nun richtig oder falsch ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Zu bedenken bleibt weiterhin für alle Entscheidungen, die auf politischer und privater Ebene gefällt werden: Was kann das Gesundheitssystem auf der Insel jetzt, aber auch auf längere Sicht im Herbst und Winter für die zurückbleibende Bevölkerung leisten?!

Bis jetzt haben die ohnehin geringe Bevölkerungsdichte in Sardinien und das im Winterhalbjahr ohne allzu große Einschränkungen umsetzbare „social distancing“ für gute Ergebnisse gesorgt. Im Winter wirken gerade die Dörfer in der Ogliastra im Vergleich zum bunten Treiben im Sommer oftmals wie ausgestorben. Jeder geht seiner Wege, man trifft sich vielleicht beim Einkauf, ansonsten findet das Privatleben in Haus und Garten oder eben im „orto“, dem Gemüsegarten auf dem Land statt. Einziger Hotspot ist wie überall in Italien die Bar, aber auch dort kann nicht wirklich von großen Menschenansammlungen gesprochen werden. Im Winter ist man hier unter sich, kaum jemand kommt und kaum jemand geht und es gibt viel, viel Platz für jeden.

Wie das nun alles den Sommer über werden soll, kann sich im Moment noch niemand genau vorstellen. Nach der anfänglichen Lethargie und war zumindest die letzten Wochen zu beobachten, dass der ein oder andere vorsichtig anfing, seine Pizzeria oder seine Appartements aufzuhübschen, um – sofern vorhanden – mögliche Feriengäste zu empfangen. Auch hier hatte die Regionalverwaltung Hoffnung gesät, indem eine Art Gesundheitspass für Urlauber in Aussicht gestellt wurde, der negativ getesteten Personen die Reise nach Sardinien erlauben soll.

Grundsätzlich wird – vorsichtig gesprochen und wenn überhaupt – von einem inneritalienischen Tourismus bis August ausgegangen und bei entsprechender Datenlage und Öffnung der innereuropäischen Grenzen von vereinzelten Reisenden im September und Oktober. Allerdings fallen solche Ausblicke derzeit noch in die Kategorie „Zukunftsvisionen“, da kaum einschätzbar.

 

Wie dem auch sei.

Ich persönlich freue mich jetzt wieder über mehr Freiheit, über die Rückkehr der „Freizügigkeit“ oder die Möglichkeit, mich wieder selbst gewählt in einem größeren Umkreis (und hoffenltlich bald zumindest wieder in ganz Sardinien) bewegen zu können und ich hoffe sehr, dass vor allem auch die Kinder bald wieder in eine Art Normalität zurückkehren können.

Die Schulen bleiben übrigens in ganz Italien bis zu den Sommerferien geschlossen. Gestern wurde für September  einer Rückkehr im Zweischicht-System angekündigt, d.h. die Schüler sollen abwechselnd ein Teil der Klasse in der Schule, der andere zuhause am Bildschirm oder ein Teil der Klasse am Morgen, der andere am Mittag unterrichtet werden.

 

Aber jetzt wenden wir uns endlich auch wieder anderen Dingen im Leben zu:

Freiheit wir kommen!

 

 

 

 

 

 

5 Antworten

  1. Damaris

    Spanien und Italien, beziehungsweise Mallorca und Sardinien laufen ja fast paralell 😊 Ich weiß ja nicht, wie dir’s geht. Ich für meinen Teil könnte mit einen Sommer ohne Touristen klarkommen (vom ökonomischen jetzt mal abgesehen. Aber da ist ja eh alles zu spät) Genieß das Meer!

    • tine

      Ja, wirklich! Unsere Inseln haben nicht nur so schon viel gemeinsam (mit einer Freundin, die dort immer viele Monate verbracht hat, haben wir immer verglichen…), sondern gehen jetzt in dieser Zeit tatsächlich sehr ähnliche Wege. Dazu das Thema „Insel“ an sich…. Ja, sehr viele Parallelen! Und mir geht es ebenso wie dir: Dieses Jahr ist einfach nicht wie jedes Jahr. Der Schreck sitzt noch tief in den Knochen und ich denke auch nicht, dass wir schon alles überstanden haben. Wenn man sich darauf verlassen könnte, dass die Menschen sich verantwortungvoll verhalten, wäre ja alles kein Problem. Aber was man so sieht… Und auch mir geht es so: Gesundheit vor Geld! Wir werden sehen, was und wie es kommt… Liebe Grüße übers Meer und haltet die Ohren steif! Christine

  2. Werner Voigt

    Entschuldige mal, aber wo hast Du das mit den Stränden gelesen. Ich habe genau das Gegenteil gefunden: Schaut mal hier:
    ART. 24) Con riferimento agli stabilimenti balneari e alle concessioni demaniali marittime, è consentito l’accesso da parte dei titolari, di personale dipendente o terzi delegati esclusivamente per lo svolgimento di interventi di manutenzione, sistemazione, pulizia, installazioni e allestimenti spiagge, senza esecuzione di modifiche o nuove opere, purché svolti all’interno dell’area di concessione e adottando ogni misura di contrasto e contenimento della diffusione del contagio negli ambienti di lavoro. Nelle more dell’adozione di specifiche linee-guida e di protocolli per la fruizione in sicurezza degli arenili resta temporaneamente sospeso – fatte salve le attività esplicitamente consentite dalla presente ordinanza – l’accesso al pubblico nelle spiagge, in concessione o libere, ivi compresa la battigia.

    • tine

      Hallo lieber Werner, Danke für deinen Hinweis. Ich habe mich da wohl etwas missverständlich ausgedrück (und werde das jetzt auch sofort im Text noch einmal präzisieren): Ich meinte eigentlich nur, dass wir jetzt auf einem Spaziergang auch wieder das Meer erreichen und vor allem aus der Nähe sehen können! Das ist nach 2 Monaten auf dem Land, obwohl das Meer in nur 2km Entfernung so nah scheint, ein großes Geschenk… Man gibt sich ja inzwischen mit wenig zufrieden! Trotzdem gebe ich die Hoffnung auf ein Bad im Meer auch in diesem Sommer nicht auf! In diesem Sinne herzliche Grüße
      Christine

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