Corona-Krise auf der Insel

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Sardinien in Schock-Starre

 

… Artikel wird sporadisch ergänzt bis wieder Land in Sicht ist …

 

Die Corona-Krise hat uns hier in Italien in einer Heftigkeit und Geschwindigkeit überrollt, die kaum Zeit und Platz im Kopf gelassen hat für einen klaren Gedanken und jegliche Handlungsfähigkeit im Keim erstickt hat.

Dieser Zustand hält jetzt, wo das Phänomen dabei ist, andere Länder ebenfalls zu überrollen, noch immer an.

Es wird hier keine politischen Statements und auch keine Zukunftsprognosen in Sachen Tourismus oder Urlaubsplanung geben. Ich möchte mich lediglich zu Wort melden von der Insel, erzählen wie es mir und vielleicht auch anderen hier ergeht, um damit vielleicht die ein oder andere Frage zu beantworten.

Stand heute ist Sardinien seit zwei Tagen komplett von der Außenwelt abgeschlossen. Quarantäne in Insel-Version. Es fährt kein Schiff und es fliegt kein Flugzeug. Isolamento totale. Hoffen wir, dass es für irgendetwas nützlich sein wird. Es war abzusehen und ich halte die Maßnahme für sinnvoll. Für mich persönlich ist es allerdings ein schwer zu akzeptierender Gedanke, dass ich in meiner Freizügigkeit eingeschränkt bin und nicht mehr hingehen kann, wohin ich will. Damit muss man überhaupt erstmal zurecht kommen.

Ein anderes Thema in diesen Tagen für viele hier: Es ist befremdend, dass ein Teil des europäischen Auslands und auch des persönlichen Freundeskreises in anderen Ländern wirklich sehr wenig von dem mitbekommen hat, was hier in den letzten Wochen passiert ist. Unter welchen Bedingungen, mit welchen Ängsten und Unsicherheiten wir hier gelebt haben (und noch immer leben). Zu sehen war das an vollkommen unpassenden Reaktionen auf die Situation, wenig Empathie oder gar überheblicher Verständnislosikeit gegenüber dem „italienischen Weg“ als solchem und dem individuellen gefühlsmäßigen Balanceakt Auge in Auge mit der so ungewohnten, beängstigenden Lebenslage. Zu sehen ist das aber auch im Moment an der Bestürzung der Menschen in anderen Ländern, die jetzt plötzlich hier bei uns ankommt: angesichts DERSELBEN einschneidenden Maßnahmen, die nun vor der eigenen Haustüre getroffen wurden und durchzustehen sind und angesichts drastischer Zahlen, die das Gesundheitssystem in jedem Land aus den Angeln hebt.

Wir leben nun seit über einer Woche in kompletter Quarantäne. Sie wurde für ganz Italien festgelegt und hat von Tag 1 an auch für uns hier auf der Insel gegolten. Viele dachten, hier im ruhigen Sardinien wird das alles halb so wild sein. Nein, so war es nicht. Hier gibt es dieselben Polizeikontrollen an den Ausfallstraßen, dieselben Patroullien im Dorf, die die Leute nach Hause schicken, wenn sie nicht gerade den Hund ausführen, wir stehen Schlange vor den Mini-Supermärkten im Ort, es gibt wahlweise kein Klopapier, keine Hefe oder was sonst auf der Hamsterkauf-Liste ganz oben steht, die Straßen sind gespenstisch leer gefegt, die Geschäfte geschlossen und unsere Kinder gehen seit 5. März nicht mehr zur Schule, nicht mehr zum Sport, nicht mehr auf die Straße und nicht mehr zu ihren Freunden.

Die Fallzahlen sind in Sardinien noch verhältnismäßig niedrig. Entscheidend wird dafür diese Woche sein. Wenn sich herausstellt, was die Heimkehrer aus dem Norden mitgebracht haben oder eben auch nicht. Fakt ist, dass die Insel natürlich in Sachen Spezial- oder Intensivmedizin, was die Plätze in den Krankenhäusern angeht, nicht allzu gut aufgestellt ist. Hoffen wir also für Sardinien, das sich die Zahlen hier gering halten lassen.

Auch in Italien und Sardinien hat man die ganze Angelegenheit zu Beginn unterschätzt (wir alle waren und sind überfordert mit dieser Situtation). Ein erschreckendes Beispiel dafür war ein Hotelier aus Tortolì, der in den Social Media – als es bereits Sperrzonen im Norden Italiens gab – Werbung für sein Hotel am Meer gemacht hat: Kommt alle in die Ogliastra, bucht euren Oster-Urlaub im Hotel xy am Meer, hier bei uns ist alles ruhig und es gibt keine Restriktionen…. Er bekam nicht nur eine saftige Strafe, sein Hotel wurde fürs erste versiegelt und die Negativwerbung dürfte ihr Übriges getan haben.

Inzwischen sprichen hier die Wenigsten noch von Tourismus oder Saison. Das ist im Moment einfach kein Thema. Warum? Weil keiner weiß, wohin (im wahren und übertragenen Sinne des Wortes) die Reise geht.

All das wird vorbei gehen. Es wird weiter gehen. Und es geht bereits weiter hier.
Aber wann genau was sein wird, das weiß kein Mensch. Sardinien und die Sarden sind Kummer gewohnt.Und die Existenzsicherung ist hier auch in guten Zeiten nicht unbedingt einfach.
Da regt man sich nicht unnötig über Dinge auf, die jetzt gerade nicht zu lösen sind.

Einmal mehr bewundere ich die Ruhe und den Gleichmut, aber auch die Demut, mit der die meisten Menschen hier reagieren. Verhaltensweisen, von denen ich erneut versuche, mir eine Scheibe abzuschneiden.

 

Andrà tutto bene. Alles wird gut.

 

 

 

 

 

 

4 Antworten

  1. Janet

    Hier nimmt es auch keiner ernst und es wird nicht besser verlaufen 😑 Jeder macht Hamsterkäufe wie verrückt und danach sitzen die Menschen dicht gedrängt in Cafes und Eisdielen… Im Grunde hat „jeder DEN besonderen Grund“ warum er noch immer macht was er will. Alles Gute euch!

    • tine

      Ich sage dazu nur: Egoismus und Erlebnisgesellschaft. Und denke: Da muss sich in nächster Zeit überall und in unseren Köpfen viel ändern. Nicht nur wegen Corona. Alles Gute auch euch!

  2. Agnes

    Hallo Christine, vielen Dank für deinen ausführlichen Bericht. Wir hoffen euch geht es allen gut.
    Halt uns am laufenden. Liebe Grüße Agnes & Ernst

    • tine

      Liebe Agnes, lieber Ernst, uns geht es bisher gut. Einmal mehr sind wir froh, etwas abgeschieden auf dem Land zu leben. Herzliche Grüße zurück und passt gut auf euch auf, Christine

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